Auf den ersten Blick wirkt diese Frage fast absurd.
Brotteig gehört zur Backwarenproduktion. Klebe-Etiketten zur Verpackungsindustrie. Mucoadhäsive Medikamente werden unter pharmazeutischen Anforderungen entwickelt.
Und doch entscheidet bei allen drei Anwendungen dieselbe Eigenschaft darüber, ob das Produkt funktioniert:
Adhäsion.
Beim Brotteig kann sie zum Problem werden, wenn er an Werkzeugen, Klingen oder Förderbändern haftet. Beim Klebe-Etikett ist sie ausdrücklich erwünscht, weil es zuverlässig auf einer Oberfläche sitzen soll. Und bei einem mucoadhäsiven Medikament kann sie dafür sorgen, dass ein Wirkstoffträger länger dort bleibt, wo er wirken soll.
Adhäsion beschreibt die Haftung zwischen zwei unterschiedlichen Oberflächen – etwa zwischen Teig und Werkzeug, Klebeschicht und Substrat oder Wirkstoffträger und Schleimhaut.
Damit entsteht aus drei völlig unterschiedlichen Anwendungen dieselbe analytische Frage:
Wie stark haftet ein Material an einer Oberfläche, und wie lässt sich dieses Verhalten reproduzierbar messen?
Beispiel: Messung der Adhäsion eines Klebstoffes
Klebriger Teig als Prozessproblem in der Backwarenproduktion
In der Backwarenproduktion ist Klebrigkeit nicht automatisch ein Fehler. Teig muss formbar, dehnbar und verarbeitbar bleiben. Wie stark er haftet, hängt unter anderem von Rezeptur, Wasseraufnahme, Mehlqualität, Ruhezeit und Prozessbedingungen ab.
Problematisch wird Klebrigkeit dann, wenn sie zwischen Chargen schwankt oder Prozessabläufe beeinträchtigt. Teig kann an Werkzeugen, Klingen oder Förderbändern haften, was Verarbeitung, Reinigungsaufwand und Prozessstabilität beeinflusst.
Damit wird Klebrigkeit zu einer relevanten Prüfgröße: Nicht der subjektive Eindruck entscheidet, sondern die Frage, wie stark ein Teig unter definierten Bedingungen an einer Oberfläche haftet, und wie sich dieses Verhalten durch Rohstoffe oder Prozessparameter verändert.
Relevante Messgrößen:
- Maximale Anhaftkraft: höchste Kraft beim Ablösen des Teigs von der Klinge bzw. Kontaktfläche
- Adhäsionsarbeit: Energie, die für das Ablösen erforderlich ist
- Fadenzug / Stringiness: Ausmaß, in dem der Teig beim Ablösen Fäden zieht
- Teigfestigkeit bzw. Scherwiderstand: Widerstand gegen Verformung oder Scherung
Ein geeigneter Messansatz ist das Warburtons-Klebrigkeitstest mit dem Texture Analyser. Dabei wird eine definierte Teigprobe in einer Prüfkammer fixiert. Eine schmale Klinge fährt in den Teig ein und anschließend wieder heraus. Aus der Kraftkurve lassen sich unter anderem Teigfestigkeit, Scherenergie, Anhaftkraft, Anhaftenergie und Fadenzug ableiten.
Wie so ein Test genau funktioniert, stellen wir Ihnen detailliert in unserem Beitrag „Der Texture Analyser in der Backwarenproduktion“ vor.
Anfangshaftung als Qualitätsmerkmal bei Klebstoffen
Bei Etiketten, Klebebändern oder selbstklebenden Materialien ist Adhäsion keine unerwünschte Begleiterscheinung, sondern eine zentrale Produkteigenschaft. Entscheidend ist hier die sogenannte Anfangshaftung, häufig auch als Tack bezeichnet: Wie schnell und wie stark baut ein Klebstoff beim ersten Kontakt mit einer Oberfläche Haftung auf?
Gerade in Verpackung, Etikettierung und technischer Materialprüfung ist diese Eigenschaft entscheidend. Ein Etikett muss zuverlässig haften, auch wenn es unter hoher Geschwindigkeit auf Glas, Kunststoff, Karton oder Folie appliziert wird.
Ein Fingertest kann erste Hinweise geben, reicht für Entwicklung oder Qualitätssicherung aber nicht aus. Entscheidend sind definierte Prüfbedingungen wie Kontaktzeit, Temperatur, Substrat und Abzugsgeschwindigkeit.
Relevante Messgrößen:
- Maximale Ablösekraft: höchste Kraft, die beim Trennen der Sonde vom Klebstoff gemessen wird
- Anfangshaftung / Tack: Maß dafür, wie stark der Klebstoff nach kurzem, definiertem Kontakt haftet
- Adhäsionsarbeit: Energie, die während des Ablösevorgangs erforderlich ist
- Kraft-Weg-Kurve: Verlauf des Haft- und Ablöseverhaltens über den gesamten Prüfweg
Ein geeigneter Messansatz ist der Avery Adhesive Test. Dabei wird eine definierte Sonde (häufig kugelförmig) kontrolliert mit der Klebstoffoberfläche in Kontakt gebracht und anschließend senkrecht wieder abgezogen. Die entstehende Kraft-Weg-Kurve zeigt, wie stark der Klebstoff haftet, wie viel Energie für das Ablösen erforderlich ist und ob sich das Material beim Trennen sauber löst, verformt oder Fäden zieht
Adhäsion als Funktionsprinzip in der Pharmaentwicklung
Bei mucoadhäsiven Darreichungsformen ist Haftung ausdrücklich erwünscht. Ein Wirkstoffträger, Film, Gel oder Patch soll an einer Schleimhaut haften, damit der Wirkstoff über einen bestimmten Zeitraum lokal verfügbar bleibt.
Dabei entscheidet Adhäsion nicht nur über das haptische Verhalten eines Produkts oder seine Verarbeitung im Labor. Sie entscheidet direkt über die Funktion der Darreichungsform. Haftet ein Film oder Gel zu schwach, kann die Kontaktzeit zu kurz sein. Haftet das Material zu stark oder verändert sich sein Verhalten unter Feuchtigkeit, kann dies Anwendung, Komfort oder Ablöseverhalten beeinflussen.
Für Entwicklung und Qualitätssicherung ist deshalb nicht allein die Frage relevant, ob ein Produkt „haftet“. Entscheidend ist, wie stark es haftet und wie sich diese Haftung verändert, wenn Kontaktzeit, Feuchte, Medium oder Oberfläche variieren.
Relevante Messgrößen:
- Maximale Ablösekraft: maximale Kraft, die zum Ablösen des Materials erforderlich ist
- Adhäsionsarbeit: Energie während des Ablösevorgangs
- Kontaktzeitabhängigkeit: Veränderung der Haftung bei längerer oder kürzerer Kontaktzeit
- Einfluss von Medium, Feuchte und Oberfläche: Veränderung der Adhäsion unter realitätsnahen Prüfbedingungen
Ein geeigneter Messansatz ist eine Mucoadhäsions-Testvorrichtung mit definiertem Gewebe oder einem geeigneten Modellsubstrat. Dabei wird die Probe unter kontrollierter Kontaktkraft für eine festgelegte Zeit mit der Oberfläche in Kontakt gebracht und anschließend mit definierter Geschwindigkeit wieder abgezogen. Die entstehende Kraftkurve zeigt, wie stark das Material haftet und ob sich Formulierungen oder Prüfbedingungen messbar unterscheiden.
Fazit: Von Klebrigkeit zur belastbaren Messgröße
Adhäsion zeigt, warum Texturanalyse weit mehr ist als reine Kraftmessung. Obwohl Brotteig, Klebe-Etiketten und mucoadhäsive Wirkstoffträger aus völlig unterschiedlichen Branchen stammen, lassen sich ihre Eigenschaften mit derselben physikalischen Logik beschreiben.
Der Texture Analyser macht daraus reproduzierbare Kraft-Weg-Zeit-Daten. Die maximale Ablösekraft zeigt, wie stark eine Probe haftet. Die Fläche unter der Kurve beschreibt, wie viel Energie zum Ablösen erforderlich ist. Die Kurvenform zeigt zusätzlich, ob sich ein Material sauber löst, Fäden zieht, reißt oder sich elastisch bzw. plastisch verformt.
So wird Adhäsion vergleichbar: zwischen Rezepturen, Chargen, Materialien und Prüfbedingungen. Genau darin liegt der praktische Nutzen für Entwicklung, Qualitätssicherung und Prozessoptimierung.
WINOPAL unterstützt Unternehmen dabei, für genau diese Fragestellungen die passende Prüfmethodik zu finden. Denn häufig beginnt eine gute Messung nicht mit der Frage nach dem Gerät, sondern mit einer viel grundsätzlicheren Überlegung:
Welche Eigenschaft soll eigentlich wirklich verstanden werden?
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